Wiedergeburt aus einem Zeitungsfoto: Der BVK-Gründer Heinrich Peters (1901) als Avatar im Admiralspalast
Von Dirk Reder & Michael Herling / Geschichtsbüro Reder
Die Geschichtswerkstatt Reder stellt ein Projekt in Kooperation mit der Firma „digitale frische“ vor. Der Avatar wurde für das 125. Jubiläum des Verbandes der Deutschen Versicherungskaufleute e. V. in Auftrag gegeben. Auf Grundlage von einem Zeitungsfoto von 1901 wurde der Gründer des Verbandes Peter Heinrich mit Hilfe eines Monitors, der als „Zeitkapsel“ diente, als Gast auf die Bühne zur Jubiläumsfeier am 07. Mai 2026 des Admiralspalastes in Berlin gezeigt. Es wurde betont, dass es im Sinn der Firmen und des Auftraggebers war, nur mit Hilfe der KI einen solchen Avatar zu erstellen. In drei Phasen (Mimik- und Gestik-Studie, Verknüpfung zwischen Text und Bild sowie die Choreografie der beteiligten Personen) wurde der Avatar erstellt. Aber mit dem Berliner Dialekt hatte die KI Schwierigkeiten und es wurde ein Schauspieler zum einsprechen angestellt. Pro 10 Sekunden wurden 240 Bilder erzeugt.
Das Fazit der Geschichtswerkstatt zum Projekt war, dass die Darstellung einer historischen Person nicht verloren geht und ein verantwortungsbewusster Umgang stattfinden muss, es sollte sich um eine erkennbare KI-Anwendung handeln und dass die Interaktion mit den Moderatoren real wirken sollte.
Das Video zum Jubiläum und Avatar findet man unter dem Link. (Avatar-Vorstellung ab 01:43 min)
Participatory Artificial Intelligence: Crowdsourcing Public History in the Digital Project of the Archivio Storico Ricordi
Von Pierluigi Ledda (Archivio Storico Ricordi Mailand)
“The archivio Ricordi is a cathedral of music, unique in the word” – Luciano Berio
Das Projekt „Giacomo Puccini Online“ des Archivio Storico Ricordi ist ein Digital-Humanities- und Public-History-Projekt und wurde als Best-Practice-Beispiel vorgestellt. Es wurde anlässlich des 100. Todestages des Komponisten Giacomo Puccini (1858-1924) ins Leben gerufen. Ziel der Plattform ist es, das Leben, Werk und kulturelle Erbe Puccinis digital zugänglich zu machen und Forschenden, Musikinteressierten sowie der breiten Öffentlichkeit einen zentralen Zugang zu relevanten Quellen und Informationen zu bieten. Die Plattform bündelt und vernetzt Bestände aus zahlreichen öffentlichen und privaten Institutionen und fungiert damit als digitaler Knotenpunkt für das Puccini-Erbe.
Dabei geht das Portal weit über die Funktion einer klassischen Datenbank hinaus. Es vereint Archivdokumente, Handschriften, Fotografien, Libretti, Kunstwerke sowie Audio- und Videomaterialien und ergänzt diese durch redaktionelle Inhalte, die Puccinis Werk aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Auf diese Weise entsteht ein multimedialer Wissensraum, der historische Quellen, Forschung und digitale Vermittlung miteinander verbindet.
Besonders bemerkenswert ist der archivfachliche Ansatz des Projekts. Anstatt Bestände physisch an einem Ort zu vereinen, werden digitale Ressourcen unterschiedlicher Institutionen virtuell zusammengeführt und über eine gemeinsame Oberfläche zugänglich gemacht. Das Projekt zeigt damit beispielhaft, wie Archive durch digitale Technologien neue Wege der Vermittlung beschreiten und kulturhistorisches Erbe für ein breites Publikum sichtbar machen können. Gleichzeitig veranschaulicht es das Potenzial von Public History und Digital Humanities, wissenschaftliche Inhalte modern, interaktiv und nutzerorientiert aufzubereiten.
Das Projekt wird vom Archivio Storico Ricordi getragen, einem der bedeutendsten Musikarchive der Welt. Das Archiv bewahrt unter anderem Originalpartituren zahlreicher Opern von Giuseppe Verdi und Giacomo Puccini, umfangreiche Korrespondenzen, Bühnen- und Kostümentwürfe, Fotografien sowie weitere Dokumente zur Musik- und Verlagsgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Damit bildet es eine einzigartige Grundlage für die Erforschung der Operngeschichte und ihrer kulturellen Zusammenhänge.
Für Archive und Gedächtnisinstitutionen ist „Giacomo Puccini Online“ ein gelungenes Best-Practice-Beispiel dafür, wie digitale Vernetzung, wissenschaftliche Forschung und innovative Kulturvermittlung erfolgreich miteinander kombiniert werden können.
Archivische Erschließung mit Prompts
Von Jens Brokfeld (Draiflessen Collection)
Die Ausgangspunkt des Projekts ist die Erschließung umfangreicher analoger Archivbestände, darunter Akten, Fotografien, Werbematerialien und Filme. Ausgewählte Bestände wurden zunächst digitalisiert und mithilfe einer PDF-Software einer OCR-Texterkennung unterzogen. Die dabei entstandenen Dateien werden in der Archivdatenbank der Axiell-Software gespeichert und dort dauerhaft vorgehalten, um die Nachvollziehbarkeit und Überprüfbarkeit der Ergebnisse sicherzustellen.
Auf Grundlage dieser digitalisierten und durchsuchbaren Inhalte erfolgt anschließend eine dynamische Auswertung durch Künstliche Intelligenz. Hierfür kommt Microsoft 365 Copilot zum Einsatz. Die KI unterstützt die Analyse und Erschließung der Bestände durch gezielte Prompt-Eingaben und ermöglicht neue Zugänge zu umfangreichen Informationsbeständen.
Obwohl die Dateien auf einem lokalen Server gespeichert werden, werden für die KI-gestützte Auswertung ausschließlich Bestände ohne sensible oder schutzwürdige Informationen herangezogen. Ein Beispiel hierfür sind Unterlagen zur Geschichte der Wanderhändler. Auf diese Weise können die Potenziale KI-gestützter Erschließungsmethoden genutzt werden, ohne datenschutzrechtliche oder archivethische Anforderungen zu beeinträchtigen.
Die Verwendung von Prompts eröffnet dabei neue Möglichkeiten für die archivische Arbeit, etwa bei der inhaltlichen Analyse, der Identifikation relevanter Themenfelder oder der Erstellung von Erschließungsinformationen.
Diskussion
Die Diskussionen im Anschluss an die Vorträge wurden intensiv genutzt, um sowohl bestehende Bedenken als auch die praktischen und technischen Einsatzmöglichkeiten von KI näher zu beleuchten. Im Mittelpunkt standen immer wieder ethische Fragestellungen sowie die Frage, welche Auswirkungen KI auf die Quellenkritik hat.
Kontrovers diskutiert wurde zudem, ob historische Primärquellen für Marketing- oder archivpädagogische Zwecke durch KI-gestützte Verfahren verändert werden sollten. Zum Beispiel das Einfärben von Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die Animation von Fotografien oder die Erstellung von Filmmaterial nur durch Hilfe von KI. Solche Anwendungen können zwar dazu beitragen, neue Zielgruppen anzusprechen und Archive attraktiver sowie zugänglicher zu machen. Aber gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die Authentizität der Quellen beeinträchtigt wird.
Im Verlauf der Diskussion wurde jedoch auch darauf hingewiesen, dass Authentizität kein statischer, sondern ein vielschichtiger und oft fragiler Begriff ist. Als Beispiel wurde ein historisches Gebäude angeführt, das im Laufe der Zeit verändert, erweitert und neuen Nutzungen angepasst wird. Trotz dieser Eingriffe werden sein historischer Wert und seine Authentizität in der Regel nicht infrage gestellt. Diese Perspektive eröffnet auch für den Umgang mit KI-generierten Darstellungen historischer Quellen neue Betrachtungsweisen.
Einigkeit bestand darüber, dass die menschliche Expertise im Archivwesen weiterhin unverzichtbar bleibt. Die Rolle der Archivarinnen und Archivare wird sich jedoch weiterentwickeln und künftig verstärkt die kritische Bewertung, Einordnung und Qualitätssicherung KI-gestützter Ergebnisse umfassen.
Die Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz im Archivwesen steht noch am Anfang und wird in den kommenden Jahren zweifellos weitere fachliche, ethische und praktische Fragestellungen hervorbringen.
Die weiteren Beiträge haben sich mit der ersten Veranstaltung „VdW meets Deutsche Telekom“ im April gespiegelt (siehe auch Tagungsbericht).



